Ausstellung ZEHERITH 2008 Eröffnungsrede von Claus D. Hentschel

 

Die plastischen Arbeiten

Diese Einführung in Annette Jauß Arbeit soll sich nicht am kunstgeschichtlichem Rückblick orientieren, sondern dem Betrachter Impulse geben, die ihn einen eigenen Zugang zum Werk finden lassen.

Einen Künstler gilt es aber doch zu erwähnen, da er mit seinen Arbeiten und Gedanken wesentlich für die Entwicklung des plastischen Gestaltens im 20. Jh.wurde – Auguste Rodin (1840 – 1917). Wie weit Rodins Gedanken noch in Annette Jauß Arbeiten hineinwirken wird evident, wenn wir uns mit einigen Entwicklungen vertraut machen, die die Kunst des 20. Jahrhunderts verändern sollten.

Fragment – Torso – Non-finito sind die Stichworte in diesem Zusammenhang.

Das z.B. bei antiken Ausgrabungen gefündene Fragment reizt die Archäologen zur ergänzenden „Ganzheitsrekonstruktion“ – s. z.B. das gerade wieder neu zusammengesetzte Puzzlespiel des Pergamonaltars (der antike Bildhauer schuf seinem Weltbild entsprechend keine Fragmente). Vor allem die Künstler des lö.Jh’s erkannten aber schon, dass auch ein Teilstück für etwas Ganzes stehen kann. Besonders der „Torso vom Belvedere“(Vatikan) aus dem l.Jh. vor Chr. beschäftigte Künstler und Kunsttheoretiker. Der „Torso“ (ital.: ein Baumstamm ohne Äste, Kohlstrunk), also der Rest einer als Ganzheit gedachten Figuration, wird aber erst im 19.Jh. als ein für sich stehendes, autonomes Kunstwerk geschaffen.

Michelangelos „Sklaven“ (in der Academia von Florenz zu sehen), die eher aus kunstfremden Gründen unvollendet blieben, faszinieren in ihrem unfertigen Zustand bis heute, und dieses Non-finito wird ebenfalls ein bewusst eingesetztes Gestaltungsmittel seit Rodin.

So wird das Fragmentarische und oft unfreiwillig Unvollendete zu einem wesentlichen bildnerischen Mittel in der Kunst des 2O.Jh’s.

Da künstlerisches Tun nicht im luftleeren Raum entsteht, stellt sich die Frage nach der historischen Situation, in der das Menschenbild und die Dinge – in welcher Form auch immer – so radikal infrage gestellt werden; denn jedes geschaffene Bild ist immer ein Teil des Bildes, das wir von uns und in uns haben und in dem gerade durch die Abstraktion Welterkennen stattfindet.

Wenden wir uns unter den genannten Gesichtspunkten der Arbeit von Annette Jauß zu, so werden wir zunächst noch zwei Arbeitsmethoden zu unterscheiden haben: Einmal das skulpturale, wegnehmende Verfahren (z.B. „Zusammenspiel“, eine Marmorarbeit von 2001 oder „Tierschädel“, 2002, Granit) und das plastisch- antragende, eventuell auch collagierende Verfahren, hier in Bronze- und Zementarbeiten vertreten.

Michelangelo “Sonett furVittoria colonna”

Kein Bild kann selbst der beste Künstler nicht ersinnen, das nicht der Marmor schon umschlossen in sich birgt, und nur zu dem dringt vor die Hand, die willig folgt der Schöpferkraft.

In diesem Sonett wird Grundsätzliches zum „Bildhauen“ gesagt: Aus der Materie Stein wird wegnehmend die Figur herausgearbeitet, doch um die Figur im Stein zu finden, muss ein Konzept, eine Vorstellung von dem vorliegen, was man gestalten will. So durchdringen sich Geist und Materie im Schaffensprozess des Künstlers, bis das Werk seine Gestalt gefunden hat.

Im plastisch-antragenden Verfahren liegen ganz andere Möglichkeiten:

Gewissermaßen in das Nichts, in den unendlichen Raum hinein wird Volumen hergestellt. In diesem Verfahren werden Ton, aber auch, wie hier bei Annette Jauß zu sehen, Wachs, Zement, manchmal auch Fertigteile meistens um ein Gerüst herum angetragen oder auch wieder weggenommen.

Die fertige Arbeit, bzw. das Modell, kann dann abgeformt und in verschiedenen Materialien gegossen werden.

Aus der Fülle der ausgestellten Werke möchte ich drei Arbeiten unter den oben genannten Gesichtspunkten herausgreifen:

„Zusammenspiel“, 2001,

auf einem groben Holzsockel liegt eine unregelmäßig geformte Platte aus rötlichem Granit, auf der wiederum befinden sich zwei aufeinander bezogene Marmorskulpturen, die sich vertikal-verschränkend in den Raum bewegen. Zwischenräume, Vertiefimgen und Höhen, oft in gegenläufiger Bewegung, und scharfe Abbrüche fordern den Betrachter auf, die Figurengruppe zu umschreiten, wobei er feststellt, dass sich das „Zusammenspiel“ einer festen Bildvorstellung entzieht, da jeder neue Standpunkt es anders erscheinen lässt. Stehen gelassene Meißelspuren geben einerseits Auskunft über den Arbeitsprozess, führen aber auch das Auge oft in feinen Linien über die Oberfläche. Die im Stein lagernden Schichten und Abbruchkanten werden in die Arbeit mit einbezogen.

Im allgemeinen suchen wir in jeder Gestalt das Anthropomorphe zu erkennen. Denkt man z.B. an „Baumriesen“, „Wolkenbilder“, den „Mann im Mond“ und was es noch so geben mag. Geringe Hinweise, z.B. Strichmännchen in Kinderzeichnungen oder auf Zeichen reduzierte Verkehrsschilder reichen aus, um sofort den entsprechenden Impuls auszulösen, der uns sagt, worum es geht. Die Horizont überschneidende Vertikalität, das heißt unsere aufrechte Körperempfindung, ist uns ebenfalls innewohnend.

Betrachten wir unter diesen Gesichtspunkten die skulpturale Gruppe noch einmal, so werden wir bemerken, dass sie keine Eindeutigkeit zulässt. Anthropomorph geformte Vertikalität lässt uns aufeinander bezogenen „Figuren“ sehen, aber Figuren ohne Erinnerung ohne Fixpunkt. Sie sind künstlerisch vollendet, aber nicht fertig – oder waren sie es einmal und die Zeit hat an ihnen genagt?

„Napoleon mit Saxophon“, 2006, Bronze

In dieser Plastik sind bekannte Dinge zu entdecken, die, wie ich finde, hier in einer durchaus ironischen (s. auch Titelgebung) Verfremdung eine neue, assoziationsreiche, figurbildende Gegenständlichkeit hersteilen.

Vertikal montierte Holzstangen sind der stützende Unterbau für angetragenes Wachs, montierte, geformte und hartgetrocknete Bananenschalen, Pflanzenstängel und Baumpilze. – Die Plastik wird dann im Verfahren der verlorenen Form von Formsand umgeben, in einem Kasten hoch erhitzt, so dass die organischen Materialien verbrennen und eine Hohlform entsteht, die mit flüssiger Bronze ausgegossen wird. – Die ursprünglich fragile Materialität gerinnt in hartes Material, in langanhaltende Dauerhaftigkeit. Die einzelnen, verschiedenfarbigen Oberflächen der zusammengefugten Dinge werden durch die Bronze vereinheitlicht, ursprünglich stumpfes Material reflektiert Licht.

Im Umschreiten verändert sich ständig die Silhouette der Figur – überraschende Auswüchse, Höhlungen und Durchblicke fordern unsere erinnernde Wahrnehmung, lassen aber kein konkretes Wiedererkennen zu. Eine neue, unsere Phantasie beschäftigende Figur ist entstanden.

„Gottesanbeterin“, 2004, Zement, Eisen

Mantis religiosa – eine Fangheuschrecke. – Ich erlebte sie einmal in Sardinien bei einem Aufenthalt in freier Natur direkt über meinem Kopf sitzend.- Ein eigentlich kleines Insekt nur, das Unbehagen auslöst, denn die Methode seiner Beutejagd wird durch den Körperbau sofort angsteinflößend einsichtig: unbeweglich, wie zum Gebet erhoben, verharren ihre Fangarme, um blitzschnell auszufahren, wenn sich eine Beute nähert.

Zwiespältige Gefühle: Auf eisernem Fuß erhebt sich ein filigranes Eisengestell, Zement ummantelt, eine zerbrechliche Figur, doch durchgetriebene Nägel wirken schmerzlich, schmerzlich für den Aggressor selbst, aber auch domenartig Gefahr signalisierend für einen Angreifer. – Man wird an afrikanische Nagelfetische erinnert, Figuren die von einem Zauberer mit magischer Substanz aufgeladen werden. Die eingeschlagenen Nägel reizen den innewohnenden Geist zu Aktivitäten, die dem Menschen helfen können. Der Mensch gewinnt Kraft über die Natur, indem er den Naturgeist im Fetisch einfängt, damit Einfluss über ihn erhält, den er sich bei bestimmten Gelegenheiten zunutze macht. Fruchtbarkeit, Jagd, Krankheit u.a. sind die Anwendungsgebiete.

Anders als in der einheitlich wirkenden Bronzeplastik sprechen hier die verwendeten Materialien ihre eigene Sprache: klumpig angetragener Zement; Gebrauchsspuren haben die Eisenteile verformt und sie ihrem ursprünglichen, aber weitgehend noch erkennbaren Zweck entfremdet. Doppeldeutig erzählen die Materialien ihre eigene Geschichte und fugen sich doch wieder in eine neue ein, in die „Gottesanbeterin“.

Die Zeichnungen

Zeichnungen (und Radierungen) begleiten Annette Jauß plastische Arbeit in verschiedener Weise. Sie sind Ideenskizzen für Plastiken, entwickeln sich parallel zu einer plastischen Arbeit, stehen aber auch eigenständig für sich. Meistens in Kohle angelegt. In unruhigem, die Form suchenden Strich, verwischt und überzeichnet, mit einigen farbigen Akzenten versehen, erobern z.B. ein „Esel“, ein „Kopf1, eine „Kleopatra im Winde“ eher vage als fest geformt die Fläche des Zeichenpapiers. Ähnlich wie in der plastischen Gestaltung findet erst im Kopf des Betrachters die Figurwerdung statt. Annette Jauß lässt uns auch hier den Spielraum für unsere Assoziationen, lässt in uns die eigene Erfahrung von den Dingen wach werden.

Die Titelgebung

Arbeiten „ohne Titel“, abgekürzt als schnödes „o.T.“, hinterlassen beim Betrachter oft ein schales Gefühl. Und sei der Titel nur bestätigend für das, was man sowieso erkennt oder ganz und gar gegenläufig, eine sprachlich-gedankliche Zutat wird erwartet, man will nicht ins Leere stürzen. Über den Titel bahnt sich Zustimmung oder Widerspruch an, und so gesehen tut er dem Kunstwerk gut.

Annette Jauß Titelgebung habe ich beispielhaft und unkommentiert in drei inhaltlich unterschiedlichen „Strophen“ erfasst, die ein Spiegel ihrer Seele und damit ihres künstlerischen Ausdrucks sind:

Da Lach Ich Bloß
Kleiner Höllenhund, Windhund, Großes Einhorn
Kleiner Falke, Schwangere Lerche, Zaunkönig, Paradiesvogel
Gottesanbeterin
Geschichte von der Henne und dem Ei

David und Goliath Herkules, Krieger, Don Quijote Lots Weib
Schamanin, Dornenkönigin, Kleine Hexe, Moriskentänzerin
Traum des Moguls
Harlekin, Napoleon mit Saxophon, Hippie

In sich versunken
Andacht, Herzenssache, Sanfte Annäherung, Zwiegespräch,
Zusammenspiel Begegnung, Störung, Widerstand, Abwehr,
Abschied Kleine Seele, Gefangene Sonne
Wer hat Angst vor der Walpurgisnacht

 

Zum Schluss

Für mich steht Annette Jauß künstlerische Arbeit für ein jetztzeitiges, ambivalentes Menschendenken:

Labile Zustände, die Stützen benötigen, Deformationen, Auflösungen,

Verfallszustände. Dunkle Höhlungen gegen Durchlichtungen.

Andererseits ein Schweben, eine tänzerische Leichtigkeit, in einer bestimmten Phase angehalten; Stillstand im geronnenen Material, doch der Augenblick denkt sich weiter in der Zeit. – Gefühlsmäßig ewiger wirkend der Stein, der die Veränderung nicht weiter denken lässt, sondern im Unvollendeten sich vollendet.

 

Und ganz zum Schluss

In unserem Wohnraum befindet sich eine der Kopfplastiken von Annette Jauß, aus härtestem dunklen Granit auf einem niedrigen Holzsockel. In unbestimmter Erwartungshaltung ist die Kopfform schräg nach oben gerichtet, je nach Lichteinfall wechselt sie scheinbar die Mimik.

Kommen unsere Enkelkinder im Alter von zwei bis vier Jahren zu Besuch, so wird der Kopf umarmt und abgetastet – wunderbar! Die unbefangenen Seelen wissen eben noch Kunst zu schätzen – könnten wir doch wieder mit den Augen der Kinder sehen.